2. Advanced Segel-Kunstflug-Weltmeisterschaft 2011
27.07. bis 06.08.; Torun (Polen)
15. August 2011; Georg Krenger, Team Captain
Die Weltmeisterschaft
Die Weltmeisterschaft wurde wiederum als Doppelanlass durchgeführt:
- 14. Segelkunstflug Weltmeisterschaft in der Klasse «Unlimited»
- 2. Segelkunstflug Weltmeisterschaft in der Klasse «Advanced»; in dieser Klasse gelten Einschränkungen für die Teilnahme (Berechtigung nur für eher unerfahrenere Pilotinnen und Piloten) und bei der Auswahl der zu fliegenden Figuren
Die Schweiz war in der Klasse «Advanced» mit dem Team Martin Götz, Stefan Knech und Fritz Krieger vertreten.
Zuerst: das grosse Warten
Erst nach einer Woche: der erste Wettkampftag
Am Dienstag der zweiten Woche, am 2. August, konnten wir in unserer Klasse endlich zum ersten Wettbewerb starten. Wir waren ja bereits seit Samstag, 23. Juli in Torun (200km WNW von Warschau). Die Sache hatte sich zwar ganz gut angelassen: bereits am Sonntag, 23. Juli konnte unser Team seine Angewöhnungs- und Trainingsflüge absolvieren (alle brachten es auf drei Flüge, Fritz sogar auf vier).
Dann begann das Desaster: kein fliegbarer Tag mehr: Regen, zu tiefe Wolken, zu viel Wind (ein Kunstflieger liebt das, was das Bild zeigt, gar nicht), Briefing dauernd im Zweistunden-Rhythmus verschoben, Alternativprogramme mit Stadtbesichtigung, Besuch des Astronomischen Institutes der Uni (Nicolaus Kopernikus ist schliesslich hier in Torun geboren).
Zufrieden
Der erste Wettkampf – Programm Nr. 1, bekannte Pflicht – liess sich für das SWISS TEAM ganz erfreulich an: Stefan Knecht flog von 36 gewerteten Piloten den sehr guten Rang 5 heraus, Martin Götz kam auf Rang 20 und Fritz Krieger auf Rang 28.
Leben neben dem Flugplatz
Das lange Warten gab auch Gelegenheit, sich über das Leben ausserhalb des Flugplatzes Gedanken zu machen – zum Beispiel über den polnischen Strassenverkehr. Ein Schweizer Polizist würde hier ein „Herzchriesi“ kriegen (oder die Kasse klingeln hören). Das Bild vom Lastwagen, der trotz doppelter Sicherheitslinie einen Mähdrescher überholt, ist charakteristisch. Zwar fährt der Grossteil der polnischer Fahrer durchaus vernünftig und hält sich an die Regeln. Wie ich aber in allen Oststaaten beobachten konnte, kennt eine Minderheit (meist wohl irgendwelche neu-erfolgreiche Bissnismeny in dicken „Chärren“, aber auch ganz „normale“ Bürger) gar nichts. Diese Leute haben eine sehr spezielle Auffassung von einer den Strassenverhältnissen angepassten Geschwindigkeit. Überholen über eine einfache Sicherheitslinie ist bei diesen Typen “common use“, Vorfahren über eine doppelte treibt höchstens den Puls der „Zuschauer“ in die Höhe und Überholen bei Gegenverkehr erhöht offenbar den Spass am Leben – wenn man an diesem bleibt! Mit der Zeit wundert einen gar nichts mehr – falsch: man wundert sich darüber, dass nicht mehr Wracks und Tote am Strassenrand liegen – mit Blumen geschmückte Kreuze hat es aber schon welche … .
Aber sonst ist Polen ein sehr sympathisches Land. Torun hat eine schöne Altstadt mit vielen sehr speziellen Restaurants, in denen wir gut essen. Was mir auffällt: diese Beizlein werden von jungen, aufgestellten Crews betreut. Und über die Preise wagen wir Schweizer gar nicht zu sprechen! Im übrigen ist alles zu finden, einschliesslich H&M, MediaMarkt und Lidl.
Dann: der Endspurt
Nachdem wir also eine Woche lang über das Wetter gejammert hatten (was völlig zwecklos ist …), ging‘s dann in der zweiten Woche richtig los.
Von Dienstag bis am Freitag konnte nun durchgehend und in hohem Rhythmus geflogen werden. In beiden Klassen «Unlimited» und «Advanced» kam so eine gültige Weltmeisterschaftswertung zustande.
Kurz erklärt:
Eine Kunstflug-(Welt-)Meisterschaft umfasst die folgenden sechs Programme:
- Bekannte Pflicht (vom Veranstalter vorgegeben)
- Unbekannte Pflicht (vom Veranstalter aus Figurenkombinationen zusammengesetzt, welche von den Teams vorgeschlagen werden)
- Kür (vom Teilnehmer selbst zusammengestelltes Programm)
- Unbekannte Pflicht 2 (wie unbekannte Pflicht 1)
- Unbekannte Pflicht 3 (wie unbekannte Pflicht 1)
- Unbekannte Kür
„Warm-Up-Flug“: Bevor ein Durchgang gestartet wird, fliegt ein Pilot ausser Konkurrenz in der Regel ein so genanntes „Warm-Up-Programm“. Dieses dient dazu, die Punktrichter auf die folgenden Wettbewerbsflüge einzustimmen.
Bewertung: Die Flüge wurden von 8 Punktrichtern bewertet. Die Punktrichter stehen unter der Leitung des „Chief-Judge“, in Torun Phillipe Kuechler (CH).
Damit nun ein Wettbewerb als Weltmeisterschaft gewertet wird, müssen mindestens 3 Programme vollständig geflogen werden können. Dies war für die Klasse Unlimited bereits am Dienstag der zweiten Woche erfüllt, für die Advanced am Donnerstag. In beiden Klassen konnten schliesslich vier Programme geflogen werden.
Beinahe hätte es aber in den beiden Klassen sogar für fünf Programme gereicht. Da kamen aber unvorhergesehene Unterbrüche dazwischen. Der eine war ein administratives Missgeschick: beim Programm vier der Umlimited bemerkten die Punktrichter Seltsames. Zuerst beging Manfred Echter, Mitglied der Internationalen Kunstflug-Jury und fast Standard-Warm-Up-Pilot, gegen Schluss seines „Warm-Up“-Fluges einen „Programmfehler“, was ihm sonst eher selten passiert. Als dann der erste Wettkampfpilot den selben „Schnitzer“ beging, wurde Philippe Kuechler, stutzig. Er prüfte und siehe da, Punktrichter und Wettkampfpiloten hatten nicht genau das gleiche schriftliche Figurenprogramm erhalten. Das ist, wie wenn im Gottesdienst Organist und Gemeinde unterschiedliche Lieder aufschlagen … !
Weitere Unterbrüche ergaben sich daraus, dass die Windwerte ausserhalb der zulässigen Limiten gerieten (bei starkem Wind können die Piloten ihr Programm kaum innerhalb der vorgeschriebenen Box von 1 x 1 x 1km Kantenlänge halten). Letztes Jahr in Finnland hatte uns dieses Phänomen ganze drei Tage am Boden gehalten, hier wenigstens nur während kurzer Perioden. Zwar hatte ich an sich Schlimmeres befürchtet: als ich durch das flache Land zwischen Leipzig und Berlin angereist war, sah ich dort die vielen Windkraftanlagen. Solche stellt man ja in der Regel nicht dort auf, wo selten der Wind bläst … . Ich erwartete nun also in Polen – ebenso flaches Land –einen ständigen kräftigen Wind und ich sah uns darum schon dauernd blockiert – es war dann in der ersten Woche schliesslich nicht (nur) der Wind, sondern auch tiefe Wolken und Niederschlag, was uns am Boden hielt.
Die Resultate in unserer Klasse (gesamthaft 36 gewertete Piloten), der Erfolg
Stefan Knecht belegte den 9. Schlussrang. Er hatte sehr gut begonnen, erreichte er doch in der Pflicht den schönen fünften Platz. In der unbekannten Pflicht 1 geriet ihm aber das „Männchen“ so ziemlich daneben, was ihm prompt einen „Nuller“ eintrug (gleiche Wirkung wie eine Aussenlandung im Streckenflugwettkampf) und ihn auf Platz 27 setzte! Er fing sich aber auf und beendete Programm 3 mit dem ausgezeichneten Platz vier und Programm 4 mit Platz 8.
Nur knapp hinter Stefan errang Martin Götz den Schlussrang 10. Er hatte sich in den verschiedenen Teilen dauernd verbessert: Rang 20, dann 19 und zwei Mal 11.
Auch Fritz Krieger hatte nach seinem eher etwas unglücklichen Einstieg – Rang 28 im Programm 1 – nicht die Nerven verloren und sich gesteigert: Ränge 13, 17 und 12. Derart erreichte er die Schlussplatzierung 16.
Das Schweizer Team brachte also alle Piloten deutlich in die erste Hälfte der Rangliste. Diese ausgeglichene Leistung verhalf uns schliesslich zum vierten Platz (von 9) in der Teamwertung – vor Italien, der Tschechischen Republik, Polen, der Slowakei und Finnland; nach Deutschland, Frankreich und Schweden. Dazu „Kunstflug-Guru“ Manfred Echter: „Das Schweizer Team kann mit seinem vierten Rang in der Mannschaftswertung mehr als zufrieden sein, wenn man den Trainingsaufwand betrachtet, den z.B. die Franzosen treiben konnten“.
Die Übersicht («Advanced», 36 gewertete Teilnehmer, 9 gewertete Teams)
| Ränge / Punkte in den Disziplinen |
| Piloten |
Programm 1 Bekannte Pflicht |
Programm 2 Unbekannte Pflicht |
Programm 3 Kür |
Programm 4 Unbekannte Pflicht 2 |
Gesamtresultat |
Weltmeister Benoit Merieau (F) |
1. Rang 1‘305.20 |
1. Rang 1‘338.20 |
1. Rang 1‘572.07 |
1. Rang 1‘254.27 |
1. Rang 5‘469.73 |
| Stefan Knecht |
5.Rang 1‘240.50 |
27.Rang 1‘066.50 |
4.Rang 1‘544.23 |
8.Rang 1‘225.83 |
9.Rang 5‘077.06 |
| Martin Götz |
20.Rang 1‘147.85 |
19.Rang 1‘155.41 |
11.Rang 1‘497.55 |
11.Rang 1‘176.46 |
10.Rang 4‘977.28 |
| Fritz Krieger |
28.Rang 1‘087.23 |
13.Rang 1‘205.97 |
17.Rang 1‘433.16 |
12.Rang 1‘174.57 |
16.Rang 4‘900.93 |
| Team Deutschland |
Weltmeister |
15‘427.91 |
| Team Schweiz |
4. Rang |
14‘955.27 |
In der Klasse «Unlimited» heisst der Gesamt-Weltmeister Jurek Makula (Polen), er errang diesen Titel nun zum siebten Mal (!).
Alle Resultate unter: http://www.civa-results.com/ , dann “The World Advanced Glider Aerobatic Championships, Torun, Poland“. Klickt man bei einem Piloten die Punktzahl einer Disziplin an, so erscheint die Übersicht über die Wertung aller Punktrichter für diesen Flug.